cerezoDer Monat Mai war ein Monat der Jubiläen bei Atlético Madrid. Nach den Erinnerungen an den letzten Meistertitel sowie den langjährigen Vereinspräsidenten Vicente Calderon sollte diesmal die nun zehn Lenze währende Herrschaft von Enrique Cerezo als Präsident von Atlético Madrid unter die Lupe genommen werden. Am 28. Mai war er genau zehn Jahre im Amt. In diesem Beitrag wir zwar ein Versuch unternommen seine Regentschaft am Manzanares kritisch zu begutachten, nichtsdestoweniger bekommt der Jubilar selber die Möglichkeit, von seinen Erlebnissen und Erfahrungen zu erzählen.

Enrique Cerezo Torres, geboren am 27. Januar 1948 in Madrid, war kein Neuling im Verein, als er vor zehn Jahren die Geschicke am Manzanares übernahm. 16 Jahre lang zuvor war er bei Atlético in verschiedenen Funktionen tätig gewesen, vor seinem Aufstieg hatte er sogar das Amt des Vizepräsidenten inne. Da sich im Frühjahr 2003 der Gesundheitszustand des damaligen Atleti-Chefs, der berüchtigte Jesus Gil, verschlechterte, ließ sich der greise Alt-Präsident zum Rücktritt überreden. Dabei stellte er zwei Bedingungen: erstens musste der Verein in den Händen seiner Familie bleiben und zweitens sollte zum neuen Präsidenten jemand auserkoren werden, der die erste Bedingung nicht gefährden würde. Die Entscheidung fiel auf Enrique Cerezo, der den ihm damals gestellten Forderungen bis heute mehr als gerecht wurde. Auf der offiziellen Homepage des Vereins ließ er seine 10-jährige Amtszeit am Manzanares Revue passieren und hob nicht nur seine positiven Erinnerungen hervor, sondern er sprach ebenfalls von den Erlebnissen, an die er nicht allzu positiv zurückdenkt. Anbei eine kurze Zusammenfassung:

Negative Erlebnisse

Der Tod seines Vorgängers war für Enrique Cerezo ein durchaus trauriges Ereignis. Von Jesus Gil spricht der gegenwärtige Atleti-Präsident in den höchsten Tönen, seiner Meinung nach liebte Gil den Verein und wollte für den Verein immer kämpfen. Negative Erinnerungen rufen bei Cerezo ebenfalls die Abgänge solcher Spieler wie Fernando Torres und Simao hervor.

Die positiven Erinnerungen überwiegen eindeutig

Hier fokussiert sich Cerezo auf die fünf gewonnen Pokale in den letzten drei Jahren (vier internationale Triumphe sowie der diesjährige Sieg im Copa del Rey). Als großen Erfolg seiner Regentschaft betrachtet er die Verpflichtung von Diego Pablo Simeone. Für den Atleti-Coach findet er viele lobende Worte: „Er war schon als Spieler eine Institution und jetzt als Trainer hat er dies nur bestätigt. Wir alle haben gewusst, dass er irgendwann mal unseren Verein betreuen möchte. Seine Verpflichtung war eine Überraschung nicht nur für das Team, sondern auch für die Fans. Er hat der Mannschaft einen neuen Teamgeist eingehaucht“. Positiv in Erinnerungen von Enrique Cerezo ist das Pokalfinale 2010 geblieben. Atlético Madrid verlor zwar das Spiel gegen den FC Sevilla, das Verhalten der Fans damals sowie deren vorbehaltlose Unterstützung für die Atleti-Spieler bewog ihn sogar zur Feststellung, dass „wir die Partie verloren, moralisch aber gewannen“.

Durchaus positiv äußert sich Enrique Cerezo über die Atleti-Fans: „Unser Verein ist über 100 Jahre alt. Atlético bedeutet nicht nur Sport, es bedeutet auch soziales Engagement. Auf den Verein kommen noch mehrere Jahre zu, weil wir herausragende Fans haben. Ihre Liebe zu den rot-weißen Farben übertragen sie an ihre Kinder und eben das ist sehr wichtig für jeden Fußballklub.

Anschließend blickt der Atleti-Boss in die Zukunft: „Wir arbeiten gerade an zwei großen Projekten für den Verein. Das erste ist der Umzug ins neue Stadion, das anlässlich der erhofften Olympischen Spiele 2020 in Madrid vorbereitet wird, und im zweiten Projekt wollen wir ein neues Trainingszentrum errichten.

Es ist bekanntlich nicht alles Gold, was glänzt…

Die oben genannten Äußerungen und Feststellungen sind der offiziellen Internetpräsenz von Atlético Madrid entnommen worden, deswegen vermögen sie ein wenig schwülstig zu klingen. Auf jeden Fall fehlt darunter ein kritischer Blick von Herrn Cerezo auf seine 10-jährige Präsidentschaft am Manzanares. Lange war Atlético Madrid doch nur ein Mitläufer in der Primera Division, lange standen die Teams wie der FC Villarreal oder der FC Sevilla, die in ihre Mannschaften wesentlich weniger Geld reingepumpt hatten, in der Abschlusstabelle vor dem Atleti-Tross. Und die fünf Pokale, die in den letzten drei Jahren geholt wurden und von Enrique Cerezo stolz präsentiert werden, sollen den Atleti-Fans den Blick nicht verstellen: die Europa-League bleibt nur die „zweite Liga“ im kontinentalen Wettbewerb, der UEFA-Super-Cup gilt bei den ganz Großen des europäischen Fußballs eher als Vitrinenfüller, einzig der vor drei Wochen gewonnene Copa del Rey hat einen anerkannten Stellenwert. Ist ein Verein aus der Hauptstadt eines wirklich fußballverrückten Landes, mit dem drittgrößten Stadion Spaniens und einer tollen Fanbasis, die bundesweit ihresgleichen sucht, tatsächlich nicht imstande, sich dauerhaft im Konzert der Großen des europäischen Fußballs zu etablieren? Es muss seine Gründe gehabt haben, von denen Herr Enrique Cerezo geschwiegen hatte.

Die Besitzer des Vereins

Das Sagen im Verein haben Enrique Cerezo sowie der Sohn des 2004 verstorbenen Präsidenten Jesus Gil, Miguel Angel Gil Marin als Vorstandvorsitzender. Ihre Position sowie Ermächtigung, die Geschicke des Vereins zu leiten, sind alles andere als unumstritten. Unter der Regie vom berüchtigten Jesus Gil war Atlético Madrid von einem reinen Sportverein, der im Besitz seiner Mitglieder lag, in ein Familienunternehmen umgewandelt worden, der auf die Gnade der Gil-Familie angewiesen war und ist. Die Umwandlung des Vereins in eine Sociedad Anónima und der Erwerb der Anteile durch die jetzigen Anteilseigner wurde vom Tribunal Supremo im Jahr 2004 als eine widerrechtliche Aneignung gewertet. Entsprechend seien die aktuellen Besitzer schon von Anfang an nicht die legitimen Eigentümer des Vereins. Dieses Urteil wurde 2011 durch das Bezirksgericht der Stadt Madrid aufrecht erhalten. Die Übernahme des Vereins, die 2003 durch dubiose Aufstockung des Vereinskapitals zustande gekommen war, soll zum entschiedenen Nachteil der kleineren Aktienbesitzer durchgeführt worden sein – so der Urteilsspruch. Die Atleti-Besitzer klagten gegen diese Entscheidung. Die Gegner von Gil und Cerezo (u.a. die Vereinigung Señales de Humo) werfen der Klubführung vor, sich nicht um die Belange von Atlético angemessen zu kümmern und den Verein wie ein klassisches Wirtschaftsunternehmen, das lediglich den Besitzern „das Geld machen sollte“, zu führen.

Transfer- und Trainerpolitik

Mit den Verpflichtungen griffen Herr Cerezo und Konsorten in den letzten zehn Jahren häufig daneben. Die Liste der Flops ist lang: Mateja Kezman, Pierre Luccin, Maniche oder Costinha sind nur einige Beispiele. Ins Schwarze (Forlan, Aguero, Miranda, Simao) traf man zu selten, zuletzt aber immer öfter, was Hoffnung bei allen Atleti-Fans aufkeimen lässt. Die häufigen Zu- und Abgänge sowie zahlreiche Trainerwechsel trugen dazu bei, dass der Begriff „Konstanz“ nicht mehr als eine Stadt am Bodensee bedeutete und fast jedes Jahr das Gerüst der Atleti-Mannschaft neu geformt werden musste. Es klappte allerdings nicht immer wie erwünscht (einzige Ausnahme vor Diego Simeone: Javier Aguirre in den Jahren 2006-08). Durch den Umstand, dass die neuen Trainer auf der Bank ihre eigenen Visionen und Spielsysteme entwickelten, hatten die jungen Spieler aus der eigenen Fußballakademie überaus schwer, sich durch einen längeren Zeitraum für die erste Mannschaft zu empfehlen. In dieser Hinsicht scheint Diego Pablo Simeone, der vor wenigen Wochen seinen Vertrag bei Atlético Madrid bis 2017 verlängerte, den Klubverantwortlichen wie vom Himmel geschickt zu sein. Zur Transferpolitik gehören ebenfalls die Verkäufe der Spieler. Auf diesem Gebiet gelangen den Herren Cerezo und Gil einige Coups (z.B. De Gea zum Manchester United für 19 Mio. Pfund).

Schuldenberg

Um die Höhe des Schuldenbergs von Atlético Madrid ranken sich mehrere Mythen, es werden offizielle Statements abgegeben sowie halboffizielle Rechnungen gemacht. Da dieses Problem durchaus komplex und alles andere als durchsichtig ist, wird ihm in Kürze ein längerer separater Beitrag gewidmet.

Stellenwert von Atlético Madrid

Eine wahre Achillesferse der Klubbesitzer. Die rot-weißen Fans beanstanden die Tatsache, dass es den Atleti-Machern nicht gelingt, den Stellenwert des Vereins in Spanien bei den Verhandlungen der Fernsehverträge auszunutzen. Atlético erhält für seine TV-Rechte lediglich ca. 50 Mio. €, Real und Barcelona jeweils ca. 150 Mio. €. Für Viele eindeutig zu wenig, zumal sich der Verein einer großen Beliebtheit in Spanien erfreut. Auf diesem Feld wird den Klubverantwortlichen Passivität, manchmal sogar Inkompetenz vorgeworfen. Das Gleiche betrifft einigermaßen die Frage des Trikotsponsors. Jahrelang trugen die Atleti-Spieler das Logo des koreanischen Autoherstellers „Kia“ auf der Brust, die Koreaner zahlten 5 Mio. € + Bonuszahlungen pro Jahr. Diese Summe riss ebenfalls niemanden vom Hocker (so viel bekommt in der Bundesliga z.B. Borussia Mönchengladbach), sie sollte von weiteren Marketing-Unfähigkeiten der Klubverantwortlichen gezeugt haben. Und die blanke Brust in der Saison 2011/12 schien weitere Belege dafür geliefert zu haben. Um Atlético Madrid im Ausland aufzuwerten sowie neue Absatzmärkte für das „Produkt Atlético“ zu finden, begann man mit Reisen und Gastspielen in Asien. Bestimmt keine abwegige Idee, aber in Anbetracht dessen, dass sich Vereine wie Manchester United, Real Madrid oder Arsenal an solchen Exkursionen schon seit mehreren Jahren beteiligen, hinken die Colchoneros dem Geist der Zeit gewaltig hinterher.

Zusammenfassung

Unter Regie von Enrique Cerezo schöpfte der Verein sein Potenzial bis dahin nur ansatzweise aus. Es gab mehr Schatten- als Lichtspielzeiten, Atlético trat nur zweimal in der Champions League auf und die oberen Tabellenplätze in der Primera Division blieben häufig unerreichbare Früchte. Die Pokale, mit denen sich Herr Cerezo gerne fotografieren lässt, bereiteten den Atleti-Fans zweifellos viel Freude und Stolz auf ihren Verein, alles in allem sind sie dennoch – bis auf den Copa del Rey – eher zweitrangig. Auf einen großen Coup warten die Rojiblancos weiterhin noch. Nichtsdestoweniger sollten die Fans um die Zukunft ihres Klubs nicht bange sein. Der Vertrag mit Diego Pablo Simeone ist langfristig verlängert worden, eine der Voraussetzungen für jene Verlängerung war die Verstärkung des Kaders, was sich – den übereinstimmenden Medienberichten zufolge – anbahnt. Der Argentinier baut schrittweise die Nachwuchsspieler in die Profi-Mannschaft ein, ein Unterfangen, dass sich zukünftig mehr als zurückzahlen wird. Mit klugen Verpflichtungen in diesem Sommer sowie einer weiteren guten Saison (in der Primera Division und in der Champions League) kann sich Atlético Madrid, indem es die sportliche und finanzielle Misere der ehemaligen Mitstreiter um die oberen Tabellenplätze (FC Valencia, FC Sevilla, FC Malaga) nutzt, erneut als dritte Kraft im spanischen Fußball für Jahre etablieren.

Im obigen Beitrag sind Fragmente eines Beitrages „Protestbewegung für mehr Demokratie im Verein“ von Susanne Offermann benutzt worden.